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redpoint  Theatergespräche 2009

 

 

Theater - lebenslang!

 

Auf ihrer Bundestagung 2009 in Essen diskutieren die Theatergemeinden über die Auswirkungen des demographischen Wandels

 

von Ariane von Seefranz und Sibylle Steinkohl, München

 

Die Gesellschaft wandelt sich rapide, und mit ihr die Teilnehmer der Theatergemeinde. Das Publikum in Theater und Konzertsaal wird älter, aber auch vielfältiger und unberechenbarer, was sein Konsumverhalten und seine Ansprüche anbelangt, kurz gesagt: Es wird „älter, weniger, bunter“. Die Teilnehmerzahlen und die Kartenabnahme schmelzen vielerorts wie die Polkappen. Auf ihrer Bundestagung Ende Mai in Essen, den sogenannten „Essener Theatergesprächen“, befassten sich die Theatergemeinden mit den Veränderungen  - und wie sie darauf reagieren können. Schließlich sollen ihre Angebote „lebenslang“ attraktiv bleiben und nicht Gefahr laufen, vom Erfolgsmodell zum Auslaufmodell zu werden.

Das Profil der angestammten Zielgruppe der Theatergemeinde ist vergleichsweise homogen: Der klassische Teilnehmer ist bisher der eher konservative Kulturkonsument, finanziell abgesichert und gebildet. Er ist überdurchschnittlich kulturinteressiert, anspruchsvoll und über 50 Jahre alt. Heute  befinden wir uns in einer Phase des Übergangs: Das kulturelle Konsumverhalten der Teilnehmer ist vorab schwieriger einzuschätzen, ist keine verlässliche Grundlage für die Kalkulation. Man möchte sich ungern in die Zukunft hinein binden, nicht lange im Voraus planen, die Konkurrenz im Kulturmarkt (und auch im Wohnzimmer) ist gigantisch. Die Teilnehmerzahl schwindet stetig durch Alterung, Nachwuchs ist schwer zu gewinnen, klassische Werbung zeigt wenig Wirkung. Was können die Theatergemeinden tun?

Noch vor der Begrüßung setzte Thomas Laue, Chefdramaturg des Theaters Essen, den ersten spannenden Akzent. Er schilderte auch mit Videoeinspielungen, wie Jugendliche aus einem sozial schwierigen Stadtviertel und ältere Menschen aktiv Theater spielen, erst in getrennten Projekten und später sogar gemeinsam. „Unser Theater soll nicht nur von 17 bis 23 Uhr zugänglich sein, sondern ein offener und zentraler Ort mitten in der Stadt werden.“ Mit diesem Credo hat Anselm Weber mit seinem Team vor vier Jahren die Intendanz in Essen angetreten. Als ersten Schritt begaben sich einige Theaterleute in eine fremde Welt namens Katernberg, ein Stadtteil, wo Jugendliche unterschiedlicher Herkunft leben,  mit geringen Zukunftsperspektiven und komplett theaterfern. Es wurde ein langes und kompliziertes „Abenteuer der Annäherung“, aus der gleichwohl eine Produktion entstand, die „Homestories“, Geschichten über Freundschaft, Liebe, Glück und Erwartungen, erzählt, gesungen, gerappt, getanzt.

„Will you still need me, will you still feed me, when I’m sixty four”? sangen einst die Beatles und begeisterten eine Generation, die heute selbst dieses Alter erreicht - und noch ein Drittel des Lebens vor sich hat. In Essen spielen die Senioren Theater, erzählen von Menschen und Ereignissen, die sie prägten, von „Alten Helden“ eben. Und als solche entpuppten sich auch die Laiendarsteller bis 85 selbst, als sie gemeinsam mit den jungen Leuten aus Katernberg ein Stück über die Liebe auf die Bühne brachten, ausgerechnet die Liebe. Laue berichtete, wie die Begegnung der Generationen über anfänglich starken Widerstand und Unverständnis zu einer erfolgreichen Produktion führte, die alle stolz machte, zu bewundernden Aussagen wie „Du hattest ein fettes Leben“ und zu der gemeinsamen Erkenntnis, dass jeder eine Sehnsucht nach Romantik in sich trägt, egal ob er Pubertätspickel oder Falten im Gesicht hat.

Im Anschluss begrüßten Rolf Fliß, Bürgermeister der Stadt Essen, Ingeborg Bogner, Präsidentin des Bundes der Theatergemeinden, und Hans-Bernd Schleiffer, der Vorsitzende der Theatergemeinde Essen, die Teilnehmer zur diesjährigen Tagung in der Stadt Essen.

Die Menschen in Deutschland sind dabei, weniger, älter und bunter zu werden, wie Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit Zahlen belegte. Die Sterbefälle nehmen kontinuierlich zu, die Geburtenzahlen weiter ab, eine Entwicklung, die in den siebziger Jahren begonnen hat. Eine Zeitlang konnte der Bevölkerungsrückgang noch durch Zuwanderung ausgeglichen werden, doch das ist seit 2002 vorbei. Der Schrumpfungsprozess ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt: Die Forscher konstatieren einen Trend weg von den neuen und nördlichen Bundesländern nach Süden, wo Bayern und Baden-Württemberg an Einwohnern zulegen. Insgesamt sei eine Flucht aus ländlichen Gebieten in die großen Metropolregionen zu beobachten. Die Städte zögen die Jugend wegen der Ausbildungsplätze und der größeren Vielfalt etwa in der Freizeitgestaltung an.

 „Alt-Stadt!?!“ lautete der Titel von Kröhnerts Referats, was nicht weit hergeholt ist. „Wir haben eine deutliche Verschiebung zu den Betagten und Hochbetagten zu erwarten“, sagte er, wobei die Zahl der über 80-Jährigen in den nächsten 20 Jahren noch stärker steigen werde als die der über 60-Jährigen. „Die Rentner von heute sind nicht die gleichen von morgen“, erläuterte der Forscher. Viele der Älteren seien dann gebildeter, während derzeit noch die meisten einen Volksschulabschluss vorzuweisen hätten. Einfache Zeiten dürften für Kulturorganisationen wie die Theatergemeinde dennoch nicht anbrechen: Interessen und Bedürfnisstruktur der Senioren würden sehr viel heterogener sein als heute.

 

„Kultur – ja bitte!“, hieß der optimistische Slogan, mit dem Dr. Susanne Keuchel vom Zentrum für Kulturforschung, Berlin, ihren Vortrag über „Trends aus dem Kulturbarometer 50plus zur kulturellen Bildung im Alter“ überschrieb.

Das Interesse am Kulturkonsum außer Haus sei grundsätzlich da, besonders bei den 50- bis 70-Jährigen, so das Ergebnis der Kulturbarometer-Untersuchung mit 2000 Befragten. Die Schwerpunkte liegen vorzugsweise in den seit Kindheit und Jugend vertrauten Kultursparten wie Musik (50 %), Film (neu: 40 %), Literatur (35 %), klassisches Theater (30 %), dann Museum, Musical, Kabarett. Die 50- bis 64-Jährigen geben neuerdings den Sparten Jazz, Pop und Rock insgesamt den Vorzug vor der Klassik. Interessant ist, dass eigene künstlerisch-kreative Beschäftigungen gegenüber bloßem Kulturkonsum im Aufwind sind -  sofern sie schon in früheren Jahren begonnen wurden.

Die Zukunft der Kulturvermittlung liege in gruppenspezifischen Angeboten, die gezielt auf Milieu, Lebensstandard, Bildung der Angesprochenen zugeschnitten sind, lautete Keuchels Resümee: „Dies sind in zehn Jahren wichtigere Variablen als das Alter!“

 

„Demographische Veränderungen aus der Sicht des Theaters“ standen im Blickpunkt der anschließenden Podiumsdiskussion, die der Kulturjournalist Stefan Keim intelligent und locker moderierte.

„Wir bauen stark auf aktive Partizipation“, lautete das Credo von Dr. Manfred Beilharz, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Theater müsse in seiner kulturellen Monopolstellung einen Spagat machen und verschiedenste Zielgruppen unter einen Hut bringen.

Thomas Laue, Stadttheater Essen, unterstrich die Funktion des Theaters als Ort der Debatte, gerade in einer Übergangszeit wie der gegenwärtigen.

Josef Mackert, Leitender Dramaturg am Theater Freiburg, forderte, die Stadttheater müssten neu über ihren Auftrag nachdenken. Die Richtung führe weg vom bürgerlichen Bildungstheater hin zum Theater als soziokulturellem Zentrum. Der Stadtrand müsse im Theater im Zentrum einer Stadt Einzug halten, Projekte der Jugend-, Alten-  und Ausländerarbeit sollten professionalisiert und auf die große Bühne gestellt werden.

Lutz Hübner, Autor des anschließend im Grillo-Theater in Essen gezeigten Schauspiels „Blütenträume“, erläuterte die aus dem Jugendtheater kommende Idee vom „Theater als Labor“ fürs Leben, das zum Beispiel die Botschaft vermittle: Ich kann nochmal anfangen!

 

Lutz Hübners Schauspiel „Blütenträume“ im Grillo-Theater drehte sich am Abend um das Beziehungsgeflecht einer Gruppe über 50-Jähriger, die an einem Flirtkurs für Senioren in der Volkshochschule teilnehmen. Bei einer feuchtfröhlichen Party spitzt sich die Lage zu, als man plant, zusammen eine Wohngemeinschaft zu gründen. Viel Gelächter über realitätsnahe Figurenzeichnung und Situationskomik, aber auch Stoff zum Nachdenken. Großer Beifall.

 

Dem demographischen Wandel wollen und können die Kultureinrichtungen nicht vom Sessel aus zuschauen, weshalb die erste Hälfte des Samstagvormittags der praktischen Arbeit und den Erfahrungen der Theatergemeinden gewidmet war.

Martin Holländer berichtete von den schwierigen Bemühungen der Theatergemeinde Berlin, die Zielgruppe 50 plus, die ja eigentlich als kulturaffin und finanziell abgesichert gilt, zu gewinnen. „Werbung nur nach Alter macht für uns keinen Sinn“, resümierte der Geschäftsführer der Berliner Theatergemeinde. Man konzentriere sich deshalb jetzt auf die kulturinteressierten Bürger generell, egal ob 40 oder 65 Jahre. Diese Zielgruppe sei etwa auf der Langen Nacht der Musik anzutreffen, wo die Theatergemeinde Berlin als Hauptsponsor auftrete und auch mit einem Werbestand vertreten sei.

Helmut P. Hagge von der Theatergemeinde Hamburg bekannte sich als „begeisterter Zuschauer“ der Inszenierungen des Vorsitzenden Uwe Vagt, der eine Theatergruppe in der Theatergemeinde gegründet hat und Jahr für Jahr 19- bis 90-Jährige zum Spielen, aber auch zum Bau von Kulissen und zum Schneidern von Kostümen ermuntert – und so das Publikum mit Aufführungen wie „Lysistrata“ oder „Die Dreigroschenoper“ erfreut.

Mit mehrtägigen Reisen, inzwischen 42 an der Zahl mit mehr als 4000 Teilnehmern, hat die Theatergemeinde München seit langem Erfolg. „Sie sind für uns ein wichtiges Standbein“, sagte Ingeborg Bogner. Der Nachmittagsclub der Theatergemeinde München ist Geschäftsstellenleiterin Brigitte Konrad zufolge besonders auf Senioren abgestimmt, die am kulturellen Leben teilhaben wollen, aber abends nur noch ungern unterwegs sind. Die meisten wünschten sich leichte, unterhaltende Aufführungen. Von einem Höhepunkt mit 1200 Teilnehmern in den achtziger Jahren sind die Abonnentenzahlen heute auf 300 gesunken. „Auch die älteren Mitbürger werden bindungsunwillig“, bedauerte Konrad.

Im Resümee und Ausblick, moderiert von Professor Dr. Andrea Hausmann von der Europa-Universität Viadrina, hob Gabriela Schmitt von interkultur.pro in Nordrhein-Westfalen hervor, dass kulturelle Bildung für Migranten einen sehr hohen Wert darstelle. Zugangsbarrieren seien nicht herkunfts-, sondern kulturell bedingt. Es gelte, Stereotype aufzubrechen, zum Beispiel die Vorurteile gegenüber religiösen Gruppierungen: eine Minderheit, die in Nordrhein- Westfalen gerade mal vier bis sieben Prozent ausmache.

„Warum bin ich begeistert von der Theatergemeinde, vom Theater?“, sei die Frage, die für Interessenten im Mittelpunkt stehe, fasste Karin Nell, die bei der Diakonie am Kulturführerschein Düsseldorf für Senioren mitgewirkt hat, ihre Erfahrung zusammen. Persönliches Engagement und Begeisterung seien daher das stärkste Motiv bei der Mitgliederwerbung. „Machen Sie das Dabeisein zur Herzenssache!“ 

 „Das praktische Tun muss nicht theoriefern sein“, betonte Dieter Scholz, der Vorsitzende des Dachverbands Altenkultur e.V. , der in seinem Freien Werkstatt Theater in Köln erstaunlich Vieles zustande- und erstaunlich Viele zusammenbringt: Da gibt es Weiterbildung für Multiplikatoren und Animatoren in der kulturellen Altenarbeit, die Vernetzung mit Seniorenräten, mit sozialen Einrichtungen und Theaterleuten – und die Anleitung für Senioren, in allen Kunstgattungen selber aktiv zu werden, etwa in Altentheaterensembles unter professioneller Leitung.

 

Ein Vortrag von Jürgen Fischer zum Thema „Ruhr 2010: Alles auf dem Weg“ zum Wandel der Stadt Essen zur europäischen Kulturhauptstadt wurde von einer geführten Stadtrundfahrt mit Besichtigung der Philharmonie und der Zeche Zollverein abgerundet. In dem faszinierenden Industrieareal aus Backstein und modernen Architekturelementen, das ein großes Design-Museum beherbergt, hätte die Gruppe gerne noch viel mehr Zeit verbracht.

Was nehmen wir mit von dieser inspirierenden Tagung und dem vielfältigen Erfahrungsaustausch in Essen? Jedenfalls das Eine: Wenn wir die „Best-Ager“, „50plus“, „60plus“, Senioren, Menschen in der nachberuflichen Lebensphase  - oder wie immer sie genannt werden – unter unseren Teilnehmern erreichen wollen, dürfen wir sie nicht so ansprechen und auf ihr Alter reduzieren. Eine homogene Zielgruppe der Senioren gibt es nicht, jedenfalls möchten die meisten nicht gerne ausdrücklich dazugehören. Wenden wir uns also an möglichst spezifische Teilgruppen: beispielsweise die ausgewiesenen Anhänger moderner Kunstführungen, Alleinausgehende,  Stadtrandbewohner, Literatur-im-Theater-Liebhaber oder wie immer die Vorlieben aussehen mögen, von denen wir aufgrund der Buchungen wissen.

Denken wir uns zusätzlich Veranstaltungen aus, die Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Gruppen oder einfach gleicher Interessen zusammenbringen. Und lassen wir sie auch einmal zusammen kulturell aktiv werden, zum Beispiel beim Tanzen, Chorsingen oder Diskutieren. Theater-Gemeinde hat die Idee des Gemeinsam-etwas-Gestaltens, des Gemeinschaftsgefühls schließlich schon im Namen.

Beim abschließenden Empfang des Bundes im Café Central im Grillo-Theater mit gemeinsamem Umtrunk, kabarettistischer Einlage und viel Gelegenheit zu angeregter persönlicher Nachlese verfestigte sich die Hoffnung, die alle, die dabei waren, leben und weitergeben wollen: „Theater – lebenslang!“ und natürlich: „Theatergemeinde – lebenslang!“ Wie ist das zu schaffen, wie sehen die Angebote aus, mit denen wir zusammen in die Zukunft gehen? „Schaun mer mal“ -  in München 2011!