Theatergespräche 2007
Kultur - nein danke?
Rückblick auf die Theatergepsräche 2007 in Hamburg
von Ariane von Seefranz und Sibylle Steinkohl
"Theaterspielen macht stark!" verkündete eine Postkarte mit einer Schultheaterszene im Foyer des Malersaals im Hamburger Schauspielhaus. "Kultur - nein danke?" hieß das Motto der "Theatergespräche 2007", der diesjährigen Bundestagung der Theatergemeinden, die mit rund 100 Teilnehmern vom 7. bis 10. Juni eben dort über die Bühne ging. Die Frage war wohl rhetorisch gemeint. So wurde denn auch die Befürchtung, Kinder und Jugendliche hätten heute kein Interesse mehr an kultureller Bildung, an drei anregenden Tagen nicht nur mit wissenschaftlicher Akribie analysiert und diskutiert - sie wurde auch in Theorie und Praxis aufs schönste widerlegt.
Dass kein Hauch von "Null Bock"- Tristesse zu spüren war, verdankte die Tagung den Hamburger Kindern und Jugendlichen, die musizierend, tanzend und Theater spielend die junge Kulturszene Hamburgs lebendig werden ließen.

Im ersten Hauptreferat eröffnete Professor Dr. Max Fuchs, Präsident des Deutschen Kulturrates und Vorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, unter dem Titel "Kultur öffnet Welten" die Diskussion mit der philosophisch-theoretischen Dimension des Themas. Bildung dient, nach Humboldt, der Selbst- und Welterkenntnis des Einzelnen und der Gesellschaft, sie müsse daher im Mittelpunkt des politischen Handelns stehen, forderte Fuchs. Das Theaterspiel löst in einer Spiel-Situation moralische Konflikte, hilft Widersprüche zu ertragen, gibt damit Orientierungshilfe fürs Leben. "Man hat noch nie Theater so dringend gebraucht wie heute!"
Dr. Susanne Keuchel vom Bonner Zentrum für Kulturforschung stellte in ihrem Vortrag "Wohin geht die Jugend?" die Trends kultureller Bildung dar, untermauert mit einer Fülle statistischer Daten. Nach Keuchels "Jugend-KulturBarometer", das sie durch eine genaue Befragung von 2600 Jugendlichen erstellen konnte, zeigen Jugendliche ein breit gefächertes und, verglichen mit Erwachsenen, sogar größeres Interesse an Kultur (jedenfalls an populären und zeitgenössischen Richtungen), die Besuchszahlen gehen jedoch zurück. Eltern und Schule sind für die Motivation am wichtigsten. Doch es gilt auch: Mit der Zahl der Multiplikatoren wächst das Interesse der jungen Leute an Kultur. Ein überraschender und ermutigender Befund: Knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen übt ein aktives künstlerisches Hobby aus, z. B. eben Theaterspiel: Das Kreative ist auf dem Vormarsch!
Diese Diagnose wurde im Ballettzentrum Hamburg von John Neumeier, in dem Schüler 19 verschiedener Nationalitäten die hohe Schule des Tanzes lernen, umgehend erhärtet. Eine Videodokumentation zeigte das zweijährige Projekt TuSch (Theater und Schule), das im gemeinsamen Tanz Brücken baut zwischen den angehenden Ballettprofis und normalen Schülern.
Am Abend hieß es "theater macht schule". Im Projekt “Shakespeare ist tot - Damenbild.ER” brachten elf junge Frauen elf Shakespeare-Heldinnen von Ophelia bis Lady Macbeth auf die Bühne, die Originaltexte ergänzt von eigenen Improvisationen. Ein spritziger Theaterspaß, und eine kraftvolle Widerlegung der Tagungsthese.
Das Publikum hatte live erlebt, was die Lehrerin Gabriela Bähr, die das begeisternde Shakespeare-Stück mit den Gymnasiastinnen entwickelt hatte, am Samstagmorgen in Worte fasste: "Darstellendes Spiel macht selbstbewusst". Sie brach in der Diskussionsrunde zum Thema "Junge Leute und Theater. Ziele und Wege" eine Lanze für Darstellendes Spiel als Unterrichtsfach. "Eine Schule, die sich dazu bekennt, dass die Künste eine Rolle spielen, ist eine andere Schule", lautet ihr Credo. Die Kopflastigkeit relativiere sich, die Schüler machten die gute Erfahrung, dass sie gemeinsam mit anderen etwas schaffen müssen - und können, und sie öffneten sich für das Theater auch als Zuschauer. Dort allerdings, wo die eigens weitergebildeten und engagierten Lehrer fehlten, führe das Darstellende Spiel nur ein Schattendasein, merkte Bähr kritisch an.
"Das Fach ist im Vormarsch", sagte Gunter Mieruch, Fachreferent für Darstellendes Spiel der Behörde für Bildung und Sport Hamburg. Er unterstrich die Vorreiterrolle des Stadtstaats beim Darstellenden Spiel, das seit 30 Jahren von der Grundschule bis zum Abitur fest im Unterrichts-Rahmenplan verankert sei. Nach den Pisa-Erhebungen habe er mit vielen anderen befürchtet, dass die künstlerischen Fächer nun an den Rand gedrängt würden. "Doch jetzt erleben wir eine Gegenbewegung zugunsten der kulturellen Bildung", freute sich Mieruch, der auch Projektleiter von TuSch ist. Schulspiel ist auch eine Schule fürs Leben: Jugendliche, die sich einen fremden Stoff "anverwandeln", fällt es später leichter, Konflikte zu bestehen und sich handlungsorientiert zu verhalten.
Der große Rest der Republik dürfte ein wenig neidvoll nach Hamburg blicken, wo Schulen und Junges Schauspielhaus eine enge Zusammenarbeit eingegangen sind und sie unermüdlich mit Leben erfüllen. So berichtete der Theaterpädagoge Michael Müller, Organisationsleiter des Jungen Schauspielhauses, von einer Grund- und einer Gesamtschule, die im Rahmen von TuSch Partnerschulen seien und etwa bei Probenprozessen der Profis teilnehmen. Damit erreiche man Kinder und Jugendliche, die mit Theater zunächst gar nichts am Hut hätten.
Das Junge Schauspielhaus, das inzwischen von den Medien geradezu bejubelt wird, will Stoffe auf die Bühne bringen, "die sich an den Welten der Jugendlichen andocken", erklärte Müller, ohne sich die Jugendsprache zu eigen zu machen.
Der Kontakt zur Bühne bleibt auf Wunsch auch nach dem Schulabschluss erhalten: Im backstage-Jugendclub können die Interessierten sich in kleinen Gruppen Stücke erarbeiten. "Fernwehn", eine Produktion aus dem Backstage-Festival, die viel vom Lebensgefühl und der Aufbruchstimmung junger Erwachsener auf komische, dann wieder ernste und zuweilen auch sperrige Weise zum Ausdruck brachte, sorgte später bei Tagungsteilnehmern und Schauspielern für eine lebhafte Diskussion.
Vorbei die Zeit, als schauspielernde Schüler und ihre Lehrer-Regisseure Schiller oder Shakespeare textgetreu und unbearbeitet auf die Bühne hievten. "Sie sollen nicht klassisches Theater nachäffen", sagte Gabriela Bähr, sondern Stoffe und Themen neu für sich entdecken. Warum könnte etwa Frischs "Andorra" heute interessant sein? Der Trend, da waren sich die drei Experten einig, geht zu Eigenentwicklungen und freien Formen, für die es Lehrer braucht, die dafür fit sind. Deshalb bietet das Junge Schauspielhaus auch Fortbildungen an, um künftig spielerisch mit einem Klassiker im Unterricht umzugehen.
Und weil das Darstellende Spiel Präsentation und Austausch braucht, steht Hamburg jedes Jahr eine Woche lang im Zeichen des Schultheaters. Seit 1990 gibt es das Festival "theater macht schule" (tms), an dem zehn bis zwölf ausgewählte Schulen mitmachen dürfen und etliche Theater eine Woche lang Räume und Technik zur Verfügung stellen. Eine Jury schaut sich die Proben der Bewerber an und unterhält sich mit den Mitwirkenden. Für die Auswahl zähle nicht nur die Qualität des Stücks, berichtet die tms-Landesbeauftragte Bähr, sondern auch, wie die Jugendlichen zu ihrem Projekt stünden.
Die Theatergemeinde Hamburg beteiligt sich neuerdings ebenfalls an dem Festival, das viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt: Sie sponsert eine Art "Werkstatt", in der Profis mit den ausgewählten Gruppen für einige Stunden etwa an der Sprache, der Choreographie oder der Dramaturgie des Stückes arbeiten. Zu neuen Abos führt dieses finanzielle Engagement freilich nicht, aber die Theatergemeinde wird positiv wahrgenommen.
Dass Profis in den Schul-Musikunterricht kommen, ist eine echte Rarität. Das nahezu einzigartige Projekt "Reise in die Musik des 21. Jahrhunderts" des Landesmusikrates Hamburg, das Burkhard Friedrich mit Schülern vorstellte, macht Klassen seit 1989 mit einem gänzlich vernachlässigtem Genre bekannt: Dem Komponieren. Das kann, wie bei den Achtklässlern der Ida-Ehre-Gesamtschule ein Stück mit starken Hip-Hop-Elementen sein, oder wie bei "Kasimirs Flug" des Leistungskurses Musik des Goethe-Gymnasiums die intensive Auseinandersetzung mit der vielfach ungewohnten Klangwelt Neuer Musik. Komponisten gehen ein halbes Jahr lang regelmäßig in den Unterricht und erarbeiten gemeinsam mit den Jugendlichen die eigene Komposition, die dann mit begeisterndem Ernst zur Aufführung kommt. Spannende Hörbeispiele für die Tagungsteilnehmer!
So viele Ideen, so viele Projekte, um bei jungen Menschen die kulturelle Bildung zu fördern und sie für die aktive Betätigung ebenso wie für die Teilnahme als Zuhörer und Zuschauer zu gewinnen. Wo können auf diesem Markt der Möglichkeiten die Theatergemeinden ihre "Bühne" finden? Am Samstagnachmittag stellten Theatergemeinden aus fünf Städten ihre ganz unterschiedliche Kinder- und Jugendarbeit vor.
Katharina Cromme, 20 Jahre, hat ihre ersten Gehversuche als Nachwuchs-Regisseurin bei der Jungen Theatergemeinde Köln gemacht, die alljährlich jungen Leuten die Chance gibt, sich auf der Bühne zu erproben. "Das ist eine riesige Möglichkeit", erzählt Cromme von ihrer ersten und sogleich viel beachteten Inszenierung, für die ihr die Theatergemeinde ein kleines Budget, große Freiheit und eine sichere Plattform geboten hat.
Dem Engagement von Matthias Forst und seiner Frau von der Theatergemeinde hat Mönchengladbach ein Schultheaterfest zu verdanken, das jetzt zum elften Mal veranstaltet wird, Besucher in Scharen anlockt und ein gewaltiges Presseecho hervorruft. Die Kritik aus Politik- und Theaterkreisen, die Besucherorganisation wolle nur Karten verkaufen, war der Auslöser, um mit mittlerweile großem Erfolg das Gegenteil zu beweisen. Heute dürfen die Schüler-Darsteller mit ihren überwiegend selbst verfassten Stücken sogar auf der Bühne des Stadttheaters auftreten.
In Essen hatte das Schauspielhaus lange "die Kinder vergessen", wie Hans-Bernd Schleiffer und seine Frau von der örtlichen Theatergemeinde bemerkten. Die beiden schaffen seit 1990 Abhilfe - mit vier nach Altersgruppen gestaffelten Familien-Abos, die Eltern und Kinder an unterschiedliche Spielstätten und in verschiedene Städte führt. Das Live-Erlebnis und Zusatzangebote wie das Nachspielen mit einem Theaterpädagogen zieht jedes Jahr stabile 130 bis 140 Abonnenten an.
Schüler für das Theater zu motivieren, hat Claudia Lüth von der Theatergemeinde Bonn schon seit langem zu ihrer Passion gemacht. "Klasse! Abos für Schulgruppen" heißt das Angebot, das für die Kinder, Jugendlichen und Lehrer aus der Stadt und der Region ganz individuell zusammengestellt wird. Lüth wirbt direkt an den Schulen, berät und bespricht dort, was passen könnte. Der persönliche Kontakt bewährt sich: Ohne diese Besuche würden sich weniger Schüler für ein Abo entscheiden. Um den Geldbeutel der jungen Leute nicht allzu sehr zu strapazieren, wurde für diese Gruppe der Theatergemeinden-Beitrag von 17 Euro gestrichen, dafür müssen die Erwachsenen drei Euro mehr bezahlen.
Wo kann die Theatergemeinde Düsseldorf sich sinnvoll in der Jugendarbeit betätigen? Die neue Vorsitzende Dr. Heike Spieß machte sich auf die Suche und fand an einem Gymnasium neue Aufgabenfelder, die Schüler und Theatergemeinde in eine besonders enge Verbindung bringen und beide Partner sehr zufriedenstellen. Nun schreiben Schüler Begleittexte zu Inszenierungen, moderieren Aufführungs-Gespräche für TG-Mitglieder und stehen am Infostand, zudem formuliert eine Klasse mit dem Schwerpunkt Marketing ihre Erwartungen an eine Besucherorganisation. Es könnte der Anfang einer langen Freundschaft werden!
Die Schlussdiskussion im großen Kreis zeigte eine durchweg sehr positive Einschätzung der Theatergespräche 2007, insbesondere große Begeisterung über die Kreativität der Kinder und Jugendlichen. Angeregt wurden regelmäßige Kontakte der Theatergemeinden mit Fachverbänden und die Vernetzung auf Landesebene.
Die vielen Fragen, die die Hamburger Tagung aufwarf, die Debatten, zu denen sie anregte, sind längst nicht ausdiskutiert. Wie bringt man die Jugend zur Kultur (und umgekehrt)? Wo bleibt bei der Jugendarbeit der ökonomische Faktor? Ist Kultur in Pisa-Zeiten noch Bildung für die Zukunft? Die Jugend, das Publikum von morgen - wie kann die Theatergemeinde sie gewinnen? Die Hamburger Theatergespräche 2007 sind dann ein Erfolg, wenn sie der Auftakt sind für einen verstärkten Kontakt und Ideenaustausch zwischen den Theatergemeinden.
Stimmen zur Tagung
"Die Arbeit mit Familien ist ein wunderbarer Weg, junge Leute in die Theatergemeinde zu führen. So können wir einen Impuls setzen für die Zukunft. Wir müssen für die jüngere Generation, die heute in den Städten lebt, ihre Aufgaben als Eltern mit übernehmen."
Andreas Dobmeier, Stadtverwaltung Villingen-Schwenningen, Amt für Kultur
"Die Theatergemeinde muss in Richtung Schule etwas tun. Die Erfahrungen sind attraktiv und richtig, nun müssen die einzelnen Theatergemeinden sehen, was für sie das Richtige ist. Zu überlegen ist die Finanzierung über geringfügige Preiserhöhungen. Man muss die kaufmännische Dynamik als Wirtschaftsunternehmen in den Dienst der Ziele stellen!"
Friedrich von Kekulé, Bund der Theatergemeinden/TheaterGemeinde Berlin
"Wir nehmen eine Fülle von Anregungen mit und werden Teile für uns heraussuchen. An keinem anderen Ort ist die Theatergemeinde so intensiv am Kulturgeschehen beteiligt wie in Hamburg, die Unterstützung von Senat und Schulbehörden ist groß."
Dr. Dieter Hadamczik, Redaktion Volksbühnen-Spiegel und Manfred Hölzer, Bund deutscher Volksbühnen e.V.
"Vieles hat mir hier sehr imponiert, es war sehr anregend. Der Bürgersinn in Hamburg erfüllt mich mit einem gewissen Neid! Politiker und private Stiftungen fühlen sich in der Verantwortung."
Dr. Karin Ladenburger, Theatergemeinde Bonn
"Eine hoch interessante, abwechslungsreiche Tagung. Ich hatte das Programm vorab mit Misstrauen gelesen, fand das Thema zu eng und fürchtete Wiederholung. Jetzt bedaure ich, dass keine Aktiven aus der Schweiz dabei waren. Es hat sich sehr gelohnt, herzukommen!"
Dr. Andre Gottrau und Elisabeth Gottrau, Theatervereine der Schweiz