Freundliche Übernahme

Johan Simons hat die Intendanz der Münchner Kammerspiele übernommen. Der Neustart des niederländischen Regisseurs an der Maximilianstraße zeugt von persönlicher und programmatischer Kontinuität. Zugleich wird das städtische Theater unter seiner Leitung deutlich internationaler. Und es besinnt sich seiner literarischen Wurzeln, was zu Beginn in Form bemerkenswerter Inszenierungen nach Romanvorlagen deutlich wurde.

Der Übergang von Frank Baumbauers Intendanz zu der von Johan Simons verlief – fast – schulbuchmäßig. In seiner ersten Spielzeit hatte Baumbauer 2001 an den Münchner Kammerspielen einen niederländischen Regisseur präsentiert, der mit seiner Truppe die Filmadaption „Der Fall der Götter“ zeigte. In einem Workshop lernte der so eigenwillige wie offene Holländer das Ensemble kennen und schuf als Regisseur in den folgenden Jahren einige Höhepunkte der Ära Baumbauer: Besonders „Anatomie Titus“ und „Hiob“ nach Joseph Roth blieben im Gedächtnis von Publikum und Presse. Simons’ Inszenierungen zeichnet eine eigene Mischung aus ästhetischer Sperrigkeit und Bühnenpuritanismus einerseits sowie tiefen, unverstellten Emotionen andererseits aus. Durch ihre äußere Bescheidenheit und ihren emotionalen Reichtum spielen diese Inszenierungen eine wichtige Rolle in der deutschen Theaterlandschaft, die oft in der Gefahr schwebt, zu stark auf schnell erkennbare Regiehandschriften zu setzen. Auch Simons’ Inszenierungen sind eigenwillig, aber nie auf eine oberflächenbezogene Art und Weise. Der hart wirkende Stil dient der unverstellten gedanklichen und sinnlichen Auseinandersetzung mit den Stoffen und Figuren.

Einen kleinen Dämpfer im sonst so glücklichen Übergang von Baumbauer auf Simons stellte die letzte Spielzeit dar. Da Simons noch als Intendant am NT Gent arbeitete und Baumbauer nicht um ein Jahr verlängern wollte, wurde das Haus von einem Dreierdirektorium interimistisch geleitet, wobei personell durchaus Kontinuität herrschte. Allerdings fehlte dem Vernehmen nach der rechte Schwung; auch wirkte der Spielplan nicht so kraftvoll wie zuvor. Simons Start geriet nun zum Aufbruch, ohne dass alles von Grund auf anders geworden wäre.

Wer wie Simons das entsprechende Selbstbewusstsein hat, muss sich nicht beweisen und alles ganz anders machen. Selbst vor sonst bei Intendantenstarts fast verpönten Übernahmen schreckte der neue Intendant der Münchner Kammerspiele nicht zurück; zum Glück angesichts so hochkarätiger Inszenierungen wie „Rechnitz“, „Kleiner Mann – Was nun?“ oder „Hiob“. Auch kündigte er keineswegs einem Großteil des Ensembles, sondern erweiterte vielmehr den Kern eines der stärksten Schauspielerensembles Deutschlands durch niederländische Akteure, die in den ersten Premieren bereits ihre immense Bühnenpräsenz unter Beweis stellen konnten. Integration geglückt, nicht zuletzt die des Intendanten.

In die Stadt hinein

Programmatisch gehen die Kammerspiele den Weg der letzten Jahre konsequent weiter, sich in die Stadt hinein zu öffnen. Unter dem Label Stadtraum ist die gesamte Stadt ausdrücklich als eine Art Spielstätte des Theaters vorgesehen. Simons – der einmal sein Idealtheater als gläsernes Haus beschrieb, in dem auch die Probenarbeit transparent verlaufe, – will hier selbst gegen Ende der Spielzeit mit einem Bürgerchor die „Perser“ des Aischylos inszenieren. Neben dem Werkraum, der flexibler bespielt werden soll, erhielt das Theater noch eine Spielhalle im Anbau (die bislang als Probebühne diente), wo in einem alternativen Theaterraum (mit ensuite-Bespielung) ein offeneres, experimentelleres Theater möglich sein sollte. Das Stammhaus, ein Jugendstil-Juwel, das von außen unscheinbar in der Maximilianstraße versteckt ist, soll optisch deutlicher als Theatergebäude kenntlich werden.

Neben der fortgesetzten Öffnung in die Stadt will der niederländische Theaterleiter das traditionsreiche Sprechtheater weiter internationalisieren: „Mitten in der Stadt, mitten in Europa“ lautet das Motto der Spielzeit. Die so schlüssige wie spannungsreiche Programmatik schlägt sich zu Beginn der Saison auch darin nieder, dass das Haus sich stark um „große“ Literatur kümmert, die aber nicht unbedingt dramatischer Natur ist. Die ersten vier Premieren waren neben einer „Hermannsschlacht“, inszeniert von Armin Petras – auch kein ganz neues Gesicht am Haus – zwei Romanversionen und die Theaterfassung einer Novelle. Koen Tachelts Fassung von Stefan Zweigs „Angst“ hatte bereits bei den Salzburger Festspielen im Sommer Premiere. Jossi Wielers Inszenierung eines hochkarätigen Ensembles mit Simons Ehefrau Elsie de Brauw in der Hauptrolle ist allemal sehenswert, doch litt der Abend an einer unbefriedigenden Texttransformation (siehe DDB 9/2010). Außerdem startete Simons „einen monatlichen Lesemarathon mit dem Ensemble“ von Lion Feuchtwangers München-Roman „Erfolg“; in Zusammenarbeit mit der überdurchschnittlich feinen Gastronomie des Blauen Hauses, das sowohl als Kantine wie als Theatergaststätte dient, soll die erste Aufführung ein Genuss für fast alle Sinne und Geister des Publikums gewesen sein. Des Intendanten Startinszenierung in der Spielhalle mit Joseph Roths „Hotel Savoy“ und die erste Premiere im Haupthaus, „Ruf der Wildnis“ nach Jack London von Alvis Hermanis, gerieten zu vorbildlichen Romanadaptionen, zeigten ein großes Ensemble und ein thematisch zutiefst verbindliches und anrührendes „Theater der Stadt“.

Die zwei ersten Premieren

Dabei begann das wölfische Hundestück „Ruf der Wildnis“ noch vermeintlich putzig. Auf sechs ganz unterschiedlichen Sofas, die im Halbkreis über einem Patchwork von Teppichen aufgereiht sind (Bühne: Rudolf Bekic), empfangen zunächst sechs Vierbeiner der süßen Sorte das Publikum und blicken ihm treuherzig entgegen. Dann gesellen sich die jeweiligen Halter hinzu und verbreiten eher eine triste Grundstimmung. Die Lebensbeichten („Ich habe nie ohne einen Hund gelebt“) erinnern zunächst viel mehr an ein Laienprojekt als an eine Literaturbespielung. Ähnliches hat Alvis Hermanis 2008 in Köln mit Schauspielern als „Kölner Affäre“ inszeniert, in der die teilweise brillanten Darsteller (unvergesslich ist besonders Markus Johns Mini-Cab-Fahrer) gleichsam in Menschen hineinschlüpften, mit denen sie sich zuvor intensiv persönlich auseinandergesetzt hatten. Während der Kölner Abend sich dann jedoch im weiteren Verlauf (mangels dramaturgischer Entwicklung) eher verläpperte, gelingt nun an den Kammerspielen ein großer Wurf, so dass das Stück eben nicht auf den Hund kommt. Die Porträts einsamer Hundebesitzer vermischen sich nämlich zunehmend mit Texten und Situationen aus dem „Ruf der Wildnis“. Darsteller werden zu misshandelten Vierbeinern, oder zu Tier- und Menschenquälern. Kleine Biographien verschmelzen zu einem vielgestaltigen (und -beinigen) Menschenbildnis. Mit Hilfe berührender Darstellung führt diese genialische Romanadaption, ohne die Handlung nachzuerzählen, gleichsam hinterrücks in das Buch hinein.

Während also das wunderbare Wohnzimmer des Theaters, das Jugendstil-Haus, sich in der ersten Inszenierung mit Sofa-Bühne als abgründiger Raum verlorener Durchschnitts-Seelen entpuppte, behandelte Johan Simons selbst in „Hotel Savoy“ ausdrücklich das Motiv der Unbehaustheit im flexiblen Theaterraum der Spielhalle. Eingerahmt von zwei Zuschauertribünen auf den Längsseiten (Raum: Bert Neumann) betritt Steven Scharf als Kriegsheimkehrer Gabriel Dan den Raum mit alten Bodenkacheln und einer Holztreppe in den Bühnenkeller hinunter. Durch den Lastenlift an einer Stirnseite schwebt der Liftboy des Hotels (Pierre Bokma) herein und zeigt Gabriel und den Zuschauern das große Provinz-Stadt-Hotel mit seinen ganz unterschiedlichen Bewohnern. Die Tänzerin Stasia, den sterbenden Clown Santschin oder die Puffleiterin Jetti Kupfer sind nur einige dieser Gestalten. Jeder noch so kurze Auftritt gerät auf dieser provisorisch wirkenden Bühne zum eindrücklichen Statement über die Figuren; Brigitte Hobmeier zaubert in zahlreichen Rollen wunderbare, gleichsam substanzreiche Skizzen, Stephan Bissmeier berührt als verstorbener Clown, ähnlich wie André Jung, der als reicher Jude Henry Bloomfield aus Amerika zurückkehrt, um die Nähe zu seinem verstorbenen Vater zu suchen, und Wolfgang Pregler bringt als proletarischer Umstürzler Zwonomir Pansin eine ganz neue Energie ins Spiel. Das anfangs geradezu ungelenk wirkende Kaleidoskop menschlicher Existenzen gerät zu einem komplexen Spiel von Leben und Sterben, das Hotel wird zum Symbol für die Welt, gerade dadurch, dass Simons in einem bewusst bespielten Raum intensives szenisches Leben entstehen lässt.

Mit „Hotel Savoy“ gelang dem neuen Intendanten und seinem Ensemble also nicht nur eine starke Inszenierung, sondern zugleich eine klare Positionsbestimmung: für ein sensibles Theater, das sich der Suche verschrieben hat: nach Menschlichkeit und Räumen dafür. Ein sehr viel versprechender Intendanzstart.

Detlev Baur

Die Deutsche Bühne 12 | 2010

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