Herbst im Deutschen Schauspielhaus

In Hamburg spitzt sich die Situation am Deutschen Schauspielhaus seit dem Rücktritt von Intendant Friedrich Schirmer zu. Ein Lagebericht.

Ich bin das Schauspielhaus“ – rot auf weiß steht der Text auf den Plaketten. Zum vierten Mal wurden die ansteckbaren Bekenntnis-Buttons vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg nachbestellt, damit sie massiv unters Volk kommen. Tatsächlich tragen viele Hamburger Theatergänger sie seit September auf Kleidung oder Taschen, denn auch der Widerstand gegen die geplanten Kürzungen im Hamburger Kulturhaushalt soll ansteckend sein – auf dass eine nicht zu übersehende und nicht zu übergehende Menge Menschen noch ein Wunder bewirken möge: Intendant Friedrich Schirmer trat am 14. September zurück, weil zugesagte Beträge in Höhe von insgesamt 845000 Euro nicht mehr zur Verfügung standen; und durch einen am 22. September bekannt gegebenen Beschluss wurde der Etat für das Deutsche Schauspielhaus ab der nächsten Spielzeit darüber hinaus um 1,22 Millionen Euro gekürzt – damit steht das größte deutsche Sprechtheater auf dem Spiel. Jack Kurfess, geschäftsführender Direktor, leitet nun die Geschicke des Hauses bis zum Ende der Spielzeit 2012.

Einschneidende Einleitung: Als Friedrich Schirmer 2005 als Nachfolger von Tom Stromberg das Schauspielhaus übernahm, waren die Zuwendungen an das Haus seit zehn Jahren nicht erhöht worden, Schirmer konstatierte bereits damals, das Haus sei unterfinanziert. Mit dem neuen Hausherrn kam aber auch eine neue Sparte, das Junge Schauspielhaus; für diese sagten Sponsoren ihre finanzielle Unterstützung für die nächsten drei Jahre zu – und zogen sich planmäßig 2008 zurück. Für das Junge Schauspielhaus wurde der Finanzbedarf mit 785000 Euro jährlich beziffert, und die Hamburger Kulturbehörde sicherte Friedrich Schirmer bei seiner Vertragsverlängerung (bis zum Jahr 2015) vor genau zwei Jahren sowohl diesen Betrag als auch den vollständigen Ausgleich der zu erwartenden Personalkostensteigerungen zu. Kultursenatorin Karin von Welck versprach seinerzeit, diese entweder bei Sponsoren einzuwerben oder aber diese Gelder notfalls von behördlicher Seite zur Verfügung zu stellen – was schließlich auch geschehen musste. (Ein umstrittenes Hamburger Prestigeobjekt wie die Elbphilharmonie verschlingt nicht nur große Summen der Hansestadt, sondern saugt auch Sponsorengelder ab.) Statt der zugesagten 785000 Euro fließen aber tatsächlich nur Investitions- und Projektmittel in Höhe von 580000 Euro jährlich, mit denen die niveauvollen Produktionen für Kinder und Jugendliche über die kleinen Bühnen des Hauses gehen können. Erschwerend und finanzielle Löcher reißend hinzu kamen die Pensions- und Tarifsteigerungen seit 2008, die den Angestellten des Theaters eine Gehaltssteigerung von fünf Prozent bescherten, den Haushalt des Hauses ab der Spielzeit 2010/11 um rund 1,11 Millionen Euro jährlich zusätzlich belasten. Die Kulturbehörde war nur bereit, 800000 Euro davon zu übernehmen, die fehlenden rund 310000 Euro sollte das Schauspielhaus selbst erwirtschaften, so die Maßgabe. Die Eintrittspreise waren bereits zur Spielzeit 2006/07 erhöht worden, und die Erfahrung zeigte, dass die Differenz allein durch die Erhöhung der Eintrittspreise nicht einzutreiben war.

Drittens und letztens gab es im Jahr 2009 bereits eine sogenannte Sparrunde, in der die Hamburger Finanzbehörde in Absprache mit der Kulturbehörde eine Etatkürzung vornahm, die im vergangenen Jahr relativ gleichmäßig auf alle Schultern der drei Staatstheater – also Staatsoper, Thalia Theater und Deutsches Schauspielhaus – verteilt wurde. Schon in jener Runde erfuhr das Schauspielhaus eine Zuwendungskürzung von 330000 Euro mit der Auflage des Hamburger Senats, diesen Betrag durch nochmalige Preiserhöhungen zur Spielzeit 2010/11 wieder auszugleichen.

Hochdramatischer Hauptteil: Nach der Erfahrung mit der Kürzungsrunde im Jahr 2009 gingen alle drei Hamburger Staatstheater davon aus, dass auch im Jahr 2010 die Etatkürzungen wiederum auf alle drei Häuser verteilt würden – doch es kam anders. Nachdem Friedrich Schirmer am 14. September seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte, weil die von der Kulturbehörde zugesagten 845000 Euro nicht gezahlt werden konnten oder wollten, stand das Deutsche Schauspielhaus in gewisser Weise angeschlagen da. Ob diese Schutzlosigkeit der Grund oder die ganze Sache längst beschlossen war, bleibt Spekulation, Tatsache ist: Das Ergebnis der Senatsklausur am 22. September lautete, ausschließlich dem Deutschen Schauspielhaus eine Etatkürzung von 1,22 Millionen zuzumuten, die beiden anderen Staatstheater hingegen zu verschonen. Eine Kürzung von dieser Dimension bedeutet Strukturmaßnahmen vornehmen zu müssen, denn die enorme Summe ist nicht mit Einsparungen an der einen oder anderen Stelle zu erreichen. Eine Möglichkeit der Einsparung wäre die Schließung der kleinen Spielstätten des Hauses, Malersaal und Rangfoyer, – dies würde die Abschaffung des Jungen Schauspielhauses bedeuten. Ein weiteres absurdes Rechenbeispiel: Sämtliche Schauspieler zu entlassen, brächte in der Summe der Gehälter noch nicht einmal die geforderte Einsparung von 1,22 Millionen jährlich.

Skandalöser Schluss: Vieles spricht dafür, dass Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck die enormen Kürzungen im gesamten Kulturhaushalt von insgesamt 7,2 Millionen nicht mit verantworten wollte, sie trat am 25. August 2010 zurück. Ihr Nachfolger im Amt, Reinhard Stuth, scheint sich an Zusagen seiner Vorgängerin nicht gebunden zu fühlen. Zwei Tage nach Bekanntgabe der Tatsache, dass das Schauspielhaus die diesjährige Kürzungsrunde allein tragen soll, gab es am 24. September ein Gespräch mit dem neuen Kultursenator und seinen Staatsräten auf der einen sowie Vertretern des Schauspielhauses auf der anderen Seite, dabei waren Jack Kurfess (Kaufmännischer Direktor), Klaus Schumacher (Künstlerischer Leiter Junges Schauspielhaus), Michael Propfe (scheidender Chefdramaturg), Florian Vogel (Künstlerischer Leiter des Schauspielhauses seit Schirmers Rücktritt), Frank Behnke (Chefdramaturg ab Januar 2011) und Marco Albrecht (Schauspieler) anwesend. Nach anderthalb Stunden trennten sich die Verhandlungspartner; Klaus Schumacher bescheinigte dem Kultursenator eine beschämende Ahnungslosigkeit, sowohl in Bezug auf die Kulturlandschaft Hamburgs im Allgemeinen als auch im Hinblick auf die Arbeitsweise eines Theaters im Besonderen. So gab Reinhard Stuth zu, bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal von der Bedeutung des Jungen Schauspielhauses auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendtheaters für den deutschsprachigen Raum zu hören, und von Verbindlichkeiten in Form von Verträgen zu erfahren, die bereits bis zum Jahr 2015 geschlossen wurden und im Fall der eintretenden Kürzung Kosten verursachend nun rückgängig gemacht werden müssten.

Notwendiges Nachspiel: Am 22. September, dem Tag der Bekanntgabe der Kürzung über 1,22 Millionen Euro, fand die Premiere von „Warteraum Zukunft“ im Schauspielhaus statt. Vor der Vorstellung informierten vier Schauspieler das Publikum über die beunruhigende Neuigkeit und baten um Unterstützung beim Protest gegen jenen Beschluss. Seither sind lautstarke und originelle Protest-Aktionen in der Hansestadt an der Tagesordnung: Eine Demonstration, getarnt als „Sprechunterricht“ für Kinder, die vor dem Haupteingang Reime wie „Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns Theater klaut“ einüben; Flashmobs mit Musik, die ins gleiche Horn blasen; eine Menschenkette von der Finanzbehörde zur Elbphilharmonie zur Illustration des fragwürdigen Geldflusses in der Stadt. Und kaum eine Premiere geht zum Saisonstart in der Hansestadt ohne Solidaritätsbekundung über die Bühne, sei es im Thalia oder Ohnsorg-Theater; auch Ballett-Intendant John Neumeier hat sich mit einer kritischen Stellungnahme zu Wort gemeldet. Im Schauspielhaus selbst mutierte der Delfin, seit 2005 Maskottchen, zum Zähne fletschenden Haifisch mit eigener Veranstaltung: Einmal im Monat wird nun die Haifisch-Bar geöffnet, in der sich Widerstand aufs Unterhaltsamste Bahn bricht. Und Jack Kurfess? Er wird die nächste Spielzeit notfalls auch mit einem Defizit abschließen. Und auf Zeit spielen – in 17 Monaten sind Wahlen in Hamburg.

Dagmar Ellen Fischer

Die Deutsche Bühne 11 | 2010

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